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DIE GRÜNDUNG DES ÖJHW DER WANDERVOGEL MACHT SEIN NEST
Am 11. Juli 1950 fand die Gründungssitzung und damit die erste Sitzung des Österreichischen Jugendherbergswerkes statt.
Nun begann ein hartes Stück Arbeit, denn das ÖJHW hatte weder Budget noch Herbergen zur Verfügung, da alles beim Verband geblieben war. Nach und Nach wurden die Landesorganisationen aufgebaut und Vertragshäuser gefunden. Schon im Sommer 1951 konnte das ÖJHW stolz auf rund 500 Vertragsjugendherbergen und Schutzhäuser in ganz Österreich verweisen! Damals handelte es sich auch um Häuser des Alpenvereins, die als Vertragsherbergen angeführt wurden. Heute zählt das ÖJHW 27 Eigenherbergen und 17 Vertragshäuser, die an Richtlinien des Internationalen Verbandes gebunden sind. Der Wandervogel hatte also sein Nest gemacht! Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Wandervogelbewegung als Aufbegehren der jungen Menschen gegen gesellschaftliche Zwänge verstanden. Auch heute finden wir, freilich in veränderter Form, Wandervögel aller Art. So zieht es immer noch junge Leute, die Ihre "Lehre" abgeschlossen haben, hinaus in ferne Länder, um abseits des wohlbehüteten Elternhauses die Welt kennenzulernen. Ein Volksschullehrer als Vater aller Herbergen Um die Jahrhundertwende entstand das organisierte Jugendwandern. Ein deutscher Volksschullehrer, Richard Schirrmann, zog mit seiner Klasse in die Wälder hinaus. Er führte seine Schüler, die im Ruhrgebiet aufwuchsen, von der ungesunden Atmosphäre des Industriezentrums hinaus in die freie Natur. Bald fanden seine Wanderungen bei den jungen Leuten immer mehr Zuspruch. Richard Schirrmann warb nun in einer breiten Öffentlichkeit für seine Idee, Unterkünfte auch für längere Ausflüge zu schaffen. Er schrieb Artikel, hielt Vorträge vor Lehrern und Eltern, um ständige Nächtigungsmöglichkeiten für die Teilnehmer an seinen Wanderungen zu finden. Es schwebte ihm vor, dass in jeder Schule während der großen Ferien ein Raum als Jugendherberge eingerichtet werden sollte. Im Jahre 1912 konnte Richard Schirrmann in Westfalen (Schloss Altena) die erste ständige Jugendherberge eröffnen. Heimatliebe - Jugendfreude - Völkerfriede: Schlagwörter der heutigen Zeit?
Heimatliebe Für Schirrmann bedeutete der Begriff Heimat ein menschliches Bedürfnis der Verwurzelung und die Voraussetzung für innere Stabilität, aber vor allem war für ihn die Heimatliebe mit Geborgenheit verbunden. Heute ist vielleicht ein neuer Begriff notwendig, aber der Sinn ist immer noch der gleiche. Seine Umgebung zu schätzen und zu schützen ist wohl besser mit dem Begriff des Umweltschutzes im erweiterten Sinn zu verstehen.
Völkerfriede Auch der Begriff des Völkerfriedens ist aus dem historischen Kontext gewachsen. Die Tochter von Richard Schirrmann hat das folgendermaßen erläutert: "Wer sich kennt, schießt nicht mehr aufeinander und wer die Kultur eines anderen Landes kennen- und schätzen gelernt hat, will diese nicht mehr zerstören!" Von Völkerfriede zu sprechen ist selbst in unserem Zeitalter noch keine Selbstverständlichkeit. Auch für die Jugendherbergen hat das eine Bedeutung, da der Artikel 2 der Statuten der internationalen Organisationen, nämlich "Offen für jeden, gleich welcher Rasse, Religion, Hautfarbe, Geschlecht und politischer Überzeugung" nicht immer eine Selbstverständlichkeit ist.
Jugendfreude "Abenteuer" ist damit eng verbunden, Mut und Schwierigkeiten aus eigener Kraft überwinden und das alles in einer Gemeinschaft und zu günstigen Bedingungen. Vielleicht ist es gerade dieser Ansatz, der unsere Jugendherbergen in die nächsten 50 Jahre begleiten soll. "Hinaus aus den Städten, in die Natur" hat Schirrmann den jungen Menschen damals vermitteln wollen. Das gilt auch für die Jugend des 21. Jahrhunderts!
Neue Ansätze Im Zeitalter von Internet, Megakinos und Disneyland haben sich die Bedürfnisse von jungen Menschen geändert. Die Definitionen ins neue Jahrtausend zu transkripieren, lautet die Devise. Neue Bedürfnisse und verstärkte Konkurrenz bedingen für die Zukunft eine marketing-orientierte Unternehmensphilosophie. "Bei Betreten der Jugendherberge ist jeder Besucher an diese Herbergsordnung gebunden!" So streng lautete der erste Punkt einer Herbergsordnung. Einverstanden ist man mit dieser Regel sofort, wenn man unter Punkt 3 liest, was für eine Nacht zu bezahlen ist: "Die Nächtigungsgebühr: S 1,50 pro Nacht." Diese Herbergsordnung ist bereits älter als das ÖJHW. Sie stammt aus dem Jahr 1949 und wurde noch vom Österreichischen Jugendherbergsverband herausgegeben. Doch das Tempo, in dem sich die Jugend in den Jahren danach verändert hat, konnte die Herbergsordnung nicht mithalten. Zwar haben sich die Sätze ein wenig verändert, doch der Ton, mit dem die Gäste angesprochen wurden, ist gleich geblieben. So beginnt eine Herbergsordnung aus dem Jahr 1966 mit dem selben ersten Punkt, wie jene siebzehn Jahre zuvor. Zwei Punkte der Herbergsordnung aus 1949 wurden jedoch mit der Zeit gestrichen: "Lärmen, Pfeifen und sonstige Ordnungsstörungen sind verboten" sowie "Jede Gruppe ist verpflichtet, Holz für Koch- und Heizzwecke vorzubereiten". Anfang der 80er hat man sich jedoch bemüht, eine neue Herbergsordnung zu schaffen, wobei sich das schon in den gewählten Worten auszeichnet. Der Gast wird persönlich mit einem familiären Du angesprochen, strikte Punkte gibt es nicht mehr und der erste Satz lautet: "Willkommen in diesem Haus. Wir hoffen, dass Du eine gute Reise gehabt hast und Dich bei uns so richtig erholen wirst..." Bereits damals wurde erkannt, dass man sich um seine Gäste bemühen muss. Eine im Auftrag des ÖJHW durchgeführte Studie hat gezeigt, dass sich Jugendliche alle 5-10 Jahre verändern. Auch wurde in dieser Erhebung erhoben, dass die ideale Zielgruppe für das ÖJHW die Skater- und Snowboardergeneration ist. Sie legen Wert auf eine günstige Unterkunft, wollen Events besuchen, spät ins Bett gehen und dann bis Mittag schlafen. "Bitte bringe Dein Bett bis 9 Uhr in Ordnung" ist für diese Zielgruppe allerdings etwas abschreckend. Die Jugendherbergen müssen sich dafür interessieren, was Jugendliche wirklich wollen. Wenn das für die Herbergen nicht möglich ist durchzuführen, müssen sie sich eine andere Zielgruppe, wie beispielsweise junge Familien, suchen. Die "Jugendherberge" wird dann allerdings zu "Familienherberge"... BITTE KEINE BLUE JEANS! Nachdem nun ein großes Herbergsnetz in ganz Österreich geschaffen wurde, war das ÖJHW bemüht, auch ein bestimmtes Bild vom österreichischen Wanderer zu schaffen. Einen Hinweis darauf findet man im Jahre 1961 im Mitteilungsblatt "Die Jugendherberge". Um den Wanderern mit praktischen Hinweisen zu dienen, aber auch zur Schulung, wie denn ein Wanderer optisch zu wirken hatte, wurde die Serie "Wanderkunde" ins Leben gerufen. Insbesondere die Jungwanderer sollten die Seiten sammeln, um mit der Zeit einen richtigen "Wanderführer" zu besitzen. Beim Lesen der folgenden Textauszüge sollte allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass das neutrale Österreich damals stolz auf das Image seiner Einwohner, vor allem im Ausland, war. Der Wanderer diente dabei offensichtlich ganz besonders als "Aushängeschild": Wir haben das Glück, dass der Österreicher in der ganzen Welt bekannt und beliebt ist. Jeder Ausländer erwartet vom Österreicher, dass er bereits in der äußeren Erscheinung sich von den übrigen unterscheidet. Da wir auf Grund unserer Lebensart beliebt sind, so ist es für uns nur zum Vorteil, wenn wir vom ersten Augenblick an auch als Österreicher in Erscheinung treten. Blue Jeans und überweite Pullover werden gerne auf Halbstarke projeziert,..." Spezieller Wert wurde auf die Kleidung der Mädchen gelegt: "Das Dirndlkleid ist wohl das praktischste und entsprechende Kleidungsstück für Mädchen auf Wanderung. Der Vorteil liegt darin, dass die Taille nicht eingeengt ist und es außerdem kein Herausrutschen der Bluse gibt, wie dies beim Hemd der Burschen leider unvermeidlich ist. Für Bergwanderungen oder für abgelegene Landschaften wird die Short mit Bluse die beste Wanderkleidung bilden. Kommt man in die Zivilisation, kann man das Dirndlkleid rasch darüberstreifen." Einige der Tipps von damals sind heute noch genauso relevant. Das Dirndl zählt allerdings nicht dazu. Der Wind- und Regenschutz oder die Trinkflasche sind noch immer aktuell, allerdings haben sich die Materialien geändert: Sprach man damals von den Vorteilen der Schafwollsocken, so fallen heute Begriffe wie Gore Tex oder Microfaser. Die Anfänge des Herbergswesens wären ohne sie nicht denkbar gewesen. Die Eltern der jungen Mädchen und Burschen konnten sich auf sie verlassen und wussten, dass ihre Kinder gut aufgehoben waren. Geschlechtertrennung war selbstverständlich, Alkoholverbot und Rauchverbot ebenso. Auch gab es - und gibt es manchmal auch noch heute - eine Sperrstunde um 22 Uhr. Also war aus Sicht der Eltern kein Grund vorhanden, den Kindern diesen Wanderurlaub, der ebenso mit dem Studieren der Natur verbunden war, zu verbieten. Noch dazu war der Aufenthalt in einer Herberge auch für "einfache" Leute finanziell erschwinglich. Eigentlich waren die Herbergseltern von damals recht moderne Leute. Sie arbeiteten zu zweit im selben "Betrieb", teilten sich die Arbeit auf und versorgten darüber hinaus oft gemeinsam die eigenen Kinder. Fast konnte man von Emanzipation sprechen. Interessant war insbesondere, dass bei einer Befragung in den 80er Jahren mehrere Herbergsehepaare angaben, dass die Führung der Herberge zumeist die Frau übernimmt, nur bei Schwierigkeiten der Mann eingreift. Ein weiterer Aspekt erhält besondere Bedeutung: Die Kindererziehung übernahm zu gleichen Teilen der Mann und die Frau. Immerhin war das Mitte der 80er noch nicht so selbstverständlich. Aber nicht alles war einfach und rosig für die Herbergseltern, wie es rück-blickend erscheint. In diesen Familien gab es Trennungen oder Scheidungen ebenso, wie in der gesamten Gesellschaft. Mit der Zeit wurde es gerade für die Landesorganisationen schwierig, sich darauf einzustellen. Wie konnte man denn nun beurteilen, ob ein Ehepaar tatsächlich bereit war, den Arbeitsvertrag gemeinsam zu erfüllen. Ganz zu schweigen davon, was im Fall einer Trennung von Seiten der Landesorganisation zu tun ist. Ist denn ein getrenntes Paar nun imstande, trotzdem eine Herberge gemeinsam zu leiten? Wie kommt jener Ehepartner, der weiter seinen Job ausüben will dazu, sich einen neuen Partner zu suchen? Viele Fragen tauchten auf, doch löste sich die Situation meist von selbst. Mit der Zeit wurde bei der Einstellung einer Herbergsleitung nicht mehr Wert auf ein klassisches Ehepaar gelegt, sondern viel mehr auf eine kompetente Herbergsleitung. Aus heutiger Sicht ist von Herbergseltern kaum mehr zu sprechen. Allerdings wird in ländlichen Regionen noch eher bei der Einstellung von neuen Angestellten darauf geachtet, dass nach Möglichkeit ein Ehepaar diese Funktion gemeinsam übernimmt. In den Städten hat sich eine andere Form der Führung durchgesetzt. Eine "Herbergsleitung", zumeist ein Geschäftsführer, sorgt sich um das "Management" einer Herberge, und jeder legt dort Hand an, was er am Besten kann.
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